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Menschenrechtsexperten zu Besuch

Ilse-Johanna Christiansen, Vorsitzende des Frasche Rädj, begrüßt die Delegation des Europarates zum gemeinsamen Mittagessen.

Von links: Bahne Bahnsen, Thora Kahl, Christoph G. Schmidt, Heinrich Bahnsen, Marie B. Hagsgård, Temmo Bosse, Ilse-Johanna Christiansen, Jürgen Ingwersen, Martin Collins, Agnes von Maravic, Frank Nickelsen. Fotos: Frasche Rädj

Europäisches „Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten“ – ein sperriger Titel. Aber dennoch eine wichtige Rechtsgrundlage dafür, dass angestammte sprachliche und ethnische Minderheiten gegenüber einem Nationalstaat Rechte geltend machen können. In Deutschland genießen vier Gruppen diesen Schutz, die seit Jahrhunderten hier leben, teilweise schon, bevor Deutsche in ihrer Umgebung ansässig wurden: Sorben, Dänen, deutsche Sinti und Roma (nicht zu verwechseln mit gleichnamigen Zuwanderern aus Osteuropa) und Friesen. Das Rahmenübereinkommen ist bestimmten Grundwerten verpflichtet; insbesondere der Gebrauch von Minderheitensprachen auch im öffentlichen Leben, die Förderung von Gleichstellung und ein Diskrimierungsverbot, Zugang zu Bildung und gesellschaftliche Teilhabe werden betont. Die Einhaltung dieses Vertrages überprüft ein Ministerkomitee des Europarates, der sich wiederum auf die Gutachten von 18 Experten stützt.

Zwei dieser Experten besuchten nun die Nordfriesen. Die Schwedin Marie B. Hagsgård hat sich als Juristin über mehrere Jahrzehnte für Menschenrechte, insbesondere für die Rechte der samischen Minderheit in Schweden eingesetzt. Derzeit ist sie Präsidentin des Expertenrates. Der Ire Martin Collins gehört zur Minderheit der Pavee, eines der ehemals „fahrenden Völker“; er hat selber nur sechs Jahre die Schule besucht, bevor er im Familienbetrieb mitarbeiten musste, konnte sich aber als Erwachsener fortbilden und gilt inzwischen europaweit als führender Menschenrechtsaktivist.

Was hat sich für die nordfriesische Sprache und Kultur seit dem letzten Besuch verbessert? Was hat sich verschlechtert? Wo besteht politischer Handlungsbedarf? Diese Fragen diskutierten sie am 24. August mit sieben Vertreterinnen und Vertretern der Nordfriesen im Nordfriisk Instituut in Bredstedt. Die Moderation übernamh Martin Collins, zwei Dolmetscherinnen sorgten für das korrekte gegenseitige Verstehen. Bahne Bahnsen, Vorsitzender der Friisk Foriining und auf europäischer Ebene in der FUEN ehrenamtlich für nationale Minderheiten tätig, betonte, wie wertvoll die Arbeit des Europarates sei. Er habe selber erlebt, wie Menschen wegen ihres Einsatzes für sprachliche und ethnische Vielfalt mit Gefängnisstrafen bedroht wurden, erst das Eingreifen des europäischem Gerichtshofs für Menschenrechte habe das verhindert.

Schnell wurde deutlich, dass die Situation der Nordfriesen nicht einfach mit der anderer Minderheiten verglichen werden kann. So sorgte die Frage, ob Nordfriesen in der Religionsausübung behindert würden, für überraschte Stille. Ilse-Johanna Christiansen, Vorsitzende des Frasche Rädj, griff aber das Thema auf und erläuterte, wie die friesische Sprache seit jeher als Privatsprache galt: „Gebetet haben wir immer auf Deutsch oder Dänisch“. Genau hierin liege aber das Problem, denn in den Familien wurde die friesische Sprache in den letzten Jahrzehnten oft nicht weitergegeben. Vielen Eltern wurde lange suggeriert, ihre Kinder könnten Nachteile in der Schule oder in der beruflichen Karriere bekommen, wenn sie zuhause Friesisch sprächen. Diese Fehlentwicklung nun aufzufangen, das gehe nur über die Schulen. Und über mehr öffentliche Sichtbarkeit der friesischen Sprache. Jürgen Ingwersen, Vorsitzender der Sölring Foriining, brachte die Situation auf Sylt ins Gespräch: Der massive Zuzug von Auswärtigen und der Immobilienhandel hätten die Gesellschaft so stark verändert, dass um die Existenz des Sylter Friesischen gefürchtet werden müsse. Heinrich Bahnsen, Vorsitzender des Minderheitenrates auf Bundesebene, berichtete, wie ablehnend sich der NDR gegenüber einer Ausweitung friesischsprachiger Sendungen zeige. Allerhöchstens ein Medienportal wäre wohl denkbar. Christoph Schmidt, Direktor des Nordfriisk Instituut, zeigte sich angesichts solcher Vorschläge skeptisch: ob dafür Stellen für friesischsprachige Redakteure eingerichtet würden, sei zu bezweifeln, wahrscheinlich werde wieder einmal vor allem an ehrenamtliche Beiträge gedacht.

Thora Kahl, Friesischlehrerin an der Risem schölj sowie Fachrefentin für Friesisch im Schulsystem der dänischen Minderheit, und Schmidt erläuterten die Situation im dänischen und deutschen Schulsystem. Noch immer werde staatlicherseits oft unterstellt, Friesischuntericht richte sich vor allem an muttersprachliche Kinder. Dabei gehe es inzwischen zu großen Teilen darum, dass junge Menschen die Sprache tatsächlich erlernen können, und das funktioniere nicht mit einem unbenoteten Zusatzangebot während der Grundschulzeit. Beide betonten zudem, dass nach wie vor mit selbst gemachten Unterrichtsmaterialien gearbeitet werde, die teils Jahrzehnte alt seien. Dieses Feld lohne sich für Schulbuchverlage nicht, und das Land habe trotz positiver Signale bislang keine entsprechenden Stellen geschaffen. „Wir stoßen grundsätzlich auf offene Ohren, viele reden mit uns und finden unsere Anliegen gut. Aber wenn es um längerfristige finanzielle Zusagen geht, um Lehrerstunden oder um Flexibilität im Lehrplan, stößt man sehr schnell an Grenzen“. Das gelte aber nicht nur für den Schulbereich, sondern zum Beispiel auch für das neu ins Leben gerufene, mit professionellem Anspruch arbeitende „Friisk teooter“, ergänzte Schmidt. Das Geld dafür sei zwar in der Friesenstiftung vorhanden, aber man fürchte anscheinend, die Entscheidungshoheit zu verlieren. „Der Kuchen ist einfach zu klein, insbesondere wenn man die finanzielle Förderung der Friesen mit derjenigen der dänischen oder der sorbischen Minderheit vergleicht. Wenn man der friesischen Volksgruppe wirklich helfen möchte, muss man hier ansetzen. Es geht dabei nicht um Unsummen, sondern um nur wenige neue Stellen. So wie zur Zeit kann man gute, professionell arbeitende Menschen nicht halten. Die brauchen wir aber.“, so sein Fazit.

Die beiden Experten zeigten sich beeindruckt von der lebendigen Diskussion, sie würden die genannten Punkte in ihren Gutachten aufgreifen. „I can relate to your lived Experience. Stay strong“, schrieb Martin Collins, selbst Angehöriger der irischen Pavee, ins Gästebuch des Nordfriisk Instituut.